Franz Schubert: Missa in Es-Dur D 950
Felix Mendelssohn Bartholdy: Kantate "Wir der Hirsch schreit" Op. 42

BESETZUNG

Clara-Sophie Rohleder, Sopran
Anna-Maria Tietze, Alt
Götz Phillip Körner, Tenor
Robert Reichinek, Tenor II
Felix Rohleder, Bass
Robert Lehmann, Bass II

MAGDEBURGER DOMCHOR
Brandenburger Symphoniker

Leitung: Barry Jordan

Mobirise

Die Josephinischen Kirchenmusikreformen, erlassen im Jahre 1783, die der festlichen Kirchenmusik in Österreichs Kirchen ein Ende setzten, bewirkten, dass Haydn und Mozart (unter vielen anderen weniger illustren Komponisten) die Komposition von Kirchenmusik fast gänzlich einstellten. Zu öde, diese aufklärerische Nüchternheit, mit dem Verbot von Trompeten und Pauken und dem Gebot der Kürze. Unter der Regentschaft des Kaisers Franz dem Ersten (ab 1792) gab es Zeichen der Lockerung, aber die Reformgesetze wurden erst ab 1820 langsam und sukzessiv beseitigt – zu spät für Mozart, aber zeitig genug für Joseph Haydn, der noch seine wunderbaren großen Spätmessen schreiben und aufführen konnte.

Franz Schubert, geboren 1797, wurde 1808 Sänger in der Wiener Hofburgkapelle und lernte diese Tradition der eher bescheiden besetzten Kirchenmusik mit Sicherheit bestens kennen. Dennoch ist von seinen eigenen vier frühen Messkomposition (entstanden in den Jahren 1814 – 1816) nur eine einzige, die "zweite Messe" in G-Dur, gänzlich ohne Bläser gesetzt. Die erste, in F-Dur, ist sogar ziemlich opulent besetzt, vielleicht weil sie geschrieben wurde für die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Lichtentaler Kirche, wo er selbst seinen ersten Orgelunterricht bekommen hatte. In dieser Kirche fanden auch die Uraufführungen der anderen Messen aus seiner Jugendzeit statt.
Schuberts 5. Messvertonung, die Messe in As-Dur, beschäftigte ihn drei Jahre lang und wurde 1822 von seinem Bruder Ferdinand in der Altlerchenfelder Pfarrkirche uraufgeführt. Der Komponist war aber unzufrieden und arbeitete das Werk um; diese Neufassung stellte er dem Hofkapellmeister Joseph Eybler, Salieris Nachfolger und Freund Mozarts (von Mozarts Witwe mit der Vollendung des Requiem beauftragt), zur Verfügung, was nicht zuletzt mit seinen eigenen Hoffnungen auf eine Stelle als Vize-Kapellmeister verbunden sein gewesen möchte. Allerdings war dies vergeblich; Eybler antwortete, dass die Messe gut sei, aber nicht in dem Styl componirt, den der Kaiser liebt. Das Werk blieb, jedenfalls in seiner Gesamtheit, unaufgeführt bis 1863; Johannes Brahms dirigierte eine vollständige Aufführung im Gewandhaus zu Leipzig im darauffolgenden Jahr. Es ist interessant zu beobachten, dass Schubert dieses Werk, dass er selbst als auf derselben Ebene betrachtete als die C-Dur Sinfonie, als Musik für den Gottesdienstgebrauch betrachtete (sein Verhältnis zur katholischen Kirche war distanziert; nie hatte er den Passus Et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam vertont); sein Erfolg fand es aber im Konzertsaal, mit erheblicher Verzögerung.

Die sechste und letzte Messe hingegen war nie für den liturgischen Gebrauch gedacht. Sie gehört zur noch jungen Gattung der "Konzertmesse"; Vorreiter hier war natürlich Bachs Messe in h-Moll, die aber bis zu der Missa Solemnis von Beethoven deren Wiener Erstaufführung – unvollständig – 1824 stattfand, wenige Nachahmer gefunden hatte. Schubert schuf sie im Juni und Juli seines letzten Lebensjahres. Es fällt schwer, eine Komposition eines 31-jährigen als "Spätwerk" zu bezeichnen, aber Schubert hat sie nie gehört. Sie ist geschrieben worden im Auftrag eines sich noch im Aufbau befindlichen Vereins zur Pflege der Kirchenmusik der Kirchengemeinde Alsergrund, dem heutigen 9. Bezirk Wiens. Hinter diesem Auftrag steckte Michael Leitermeyer, Chorleiter der Alserkirche und Jugendfreund Schuberts. Die Uraufführung fand am 4. Oktober 1829 in der Alserkirche (in der auch Beethovens Leichnam eingesegnet worden war) statt, unter Leitung von Ferdinand Schubert. Diese wurde sehr positiv aufgenommen; der Rezensent der Wiener allgemeinen Theaterzeitung beurteilte am 22. Oktober 1829
Sie ist seine letzte und größte, und wie viele Kenner behaupten, auch seine schönste, nach deren Beendigung fast unmittelbar ihn der unerbittliche Tod allzufrüh ereilte. In diesem großen Musikstücke herrscht ein ganz eigener Charakter, der schon das Kyrie beurkundet. In der Tonart Es wird es harmonisch vom Violoncello Kontrabasse eröffnet, ergreift gleichsam gewaltig den Zuhörer, und führt ihn zum Gebethe ein… Mit Recht muß man das ganz Werk wahrhaft großartig nennen, und die Verbreitung desselben jedem wahren Freund echter erhebender Kirchenmusik, und allen Verehrern des unvergeßlichen Komponisten an's Herz legen.

Es gab darauf mehrere weitere Aufführungen, doch bald mischte sich Ablehnung unter den Akklamationen der Schubert-Verehrer. Zu düster sei die Messe, zu kompliziert und zu lang; sie sei mehr ein Requiem als eine Messe, und geprägt von der Vorahnung des nahen Todes. Schon in der Berliner allgemeinen Zeitung, 13. März 1830, konnte man lesen, der verklärter Meister habe bei der Konzeption bereits den Tod im Kopf und Herzen getragen, so ängstlich gepresst ist sein Odemzug, so finster, so verschlossen, freudenlos der aufgedrückte Farbenton.
Ferdinand Schubert bemühte sich über einen langen Zeitraum darum, das Werk einem Verlag zu vermitteln. Letzten Endes war es wieder Johannes Brahms, der es in Leipzig 1865 aufführte und im Druck erscheinen ließ. Freilich betrat Schubert mit dieser Musik kompositorisches Neuland, und sie war für seinen Umfeld gewiss schwer zu verstehen, trotz des insgesamt schwingenden melodischen Bogens und der herrlichen Innigkeit vieler Passagen, wie das "Et incarnatus" oder das "Benedictus", oder des Dramas des "Agnus Dei" mit dem herzzerreißenden "Dona nobis pacem". Dennoch ist das Werk bis heute nicht unumstritten; für strenge Katholiken sind Schuberts Textauslassungen im Licht der Enzyklika "Motu propriu" vom Papst Pius X verwerflich, während andere auf rein musikalischer Ebene die Messe für "unreif" halten – als ob man von einem 30-Jährigen die vollständige Reife erwarten könnte. So urteilte zum Beispiel Ernst Tittel noch 1961 in seinem Buch Österreichische Kirchenmusik, Werden – Wachsen – Wirken, die Es-Dur Messe sei ein "schauderhaft dilettantisches Machwerk übelster Sorte".

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Felix Mendelssohn wurde 1809 in Hamburg geboren und entstammte einer angesehenen bürgerlichen Familie jüdischen Glaubens. Dennoch ließ sein Vater Abraham, Sohn des bedeutenden Philosophen Moses Mendelssohn, Felix und seine drei Geschwister christlich erziehen. Sie wurden alle 1816 in einer Haustaufe vom Pfarrer der Berliner reformierten Gemeinde christlich getauft; dabei erhielten sie auch den "christlichen" Namen Bartholdy. Dieser Name hatte keine Fundierung; Mendelssohns Onkel Jakob Salomon, preußischer Gesandte in Rom, hatte ihn selbst angenommen bei seiner eigenen Taufe. Er war der Name von dem Vorbesitzer eines Gartens, den die Familie übernommen hatte. 1822 ließen sich auch Abraham und seine Frau Lea taufen.

Die Familie war schon 1811 wegen der französischen Besetzung Hamburgs nach Berlin zurückgezogen. Der junge Felix sang schon als Neunjähriger im Alt der Berliner Sing-Akademie, wo er erste Kenntnisse der "alten" Musik gewann und wichtige Verbindungen zum Chorleiter und prägender Persönlichkeit der Berliner Musikwelt Carl Friedrich Zelter aufbauen konnte. So wurde den Grundstein gelegt für seine spätere Beschäftigung mit den Werken von Bach, woraus 1829 seine epochale "Wiederentdeckung" der Matthäus Passion entsprang. Nach Zelters Tod bewarb sich Mendelssohn vergeblich um seine Nachfolge; darauf hin verließ er Berlin und übernahm Posten in Düsseldorf, wo die Uraufführung vom Oratorium Paulus ein solcher Erfolg gewesen ist, dass man ihn gleich zum Generalmusikdirektor der Stadt machte, und Frankfurt. Ab 1835 ging es weiter nach Leipzig, wo er die Gewandhauskonzerte initiierte und leitete.

1837 heiratete er Cécile Jeanrenaud, von der Devriént in seinen Memoiren schrieb, Cecilie war eine jener süßen weiblichen Erscheinungen, deren stiller und kindlicher Sinn, deren bloße Nähe auf jeden Mann wohltuend und beruhigend wirken musste. Eine schlanke Gestalt, die Gesichtszüge von auffallender Schönheit. Auf der Hochzeitsreise durch Elsaß und den Schwarzwald begann Mendelssohn mit der Komposition der Kantate Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser; einige Sätze wurden bereits in Freiburg im Breisgau fertiggestellt. Die Uraufführung fand im Januar des darauffolgenden Jahres in Leipzig statt, ohne den jetzigen Schlusschor, der erst 1834 bei einer Revision komponiert wurde. Der 4. Satz der Zweitfassung stand ursprünglich am Ende des Werkes. Der immer selbstkritisch veranlagte Komponist schätzte diese Kantate als eine seiner gelungensten Kompositionen, und auch Robert Schumann urteilte, sie sei die höchste Stufe, die er [Mendelssohn] als Kirchenkomponist, ja die neuere Kirchenmusik überhaupt, erreicht hat.

Das Aufkeimen des Antisemitismus in Deutschland im 20. Jahrhundert führte, im Verbund mit anderen eher ästhetischen Faktoren, zum fast vollständigen Verschwinden von Mendelssohns Musik von deutschen Konzertbühnen – und noch mehr von den kirchlichen Musikplänen. Noch 1973 schrieb Hans Schnoor in seiner "Geschichte der Musik": Als Rückschlag gegen die ‚Schönrednerei‘ Mendelssohns, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zur inhaltlosen Rhetorik ganzer Geschlechter von ‚Mendelssohnianer‘ verdünnte, zeigten sich etwa hundert Jahre nach der Geburt des Meisters deutliche Symptome schnellen Vergessenwerdens dieser ebenso formal vollendeten, wie inhaltlich doch zu unverbindlichen Kunst; man fing an, von einem Musikwunder ohne seelische Substanz zu sprechen. Hier meidet er bewusst jeglichen antisemitischen Einschlag, findet aber doch zu einer Verurteilung des Komponisten auf stilistischer Ebene. Tatsächlich begann die "Rehabilitierung" Mendelssohns nur zögerlich in den 80er Jahren und beschränkte sich auf die zwei Oratorien und eine Handvoll Motetten. Die kleineren Werke mit Orchesterbegleitung blieben, und zum Teil bleiben, unentdeckt.

Auch Mendelssohn wurde nur ein kurzes Leben vergönnt; er starb 38-jährig in Leipzig im Jahre 1847, wahrscheinlich an den Folgen eines Aneurysmas – wie auch seine geliebte Schwester Fanny, die wenige Monate davor gestorben war.  


Termin: Samstag, 11 Juni 2022 um 19.30 Uhr im Dom

Karten ab 16. Mai 2022 über Reservix und allen Kartenhäusern

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Preise: PK I: € 25 (keine Ermäßigung); II: € 20 (erm. € 18);

III: € 14 (erm € 12);

(Zusatzbestuhlung, unnummeriert, nur Abendkasse IV: € 10) 
 

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