Man weiß nur wenig  von dem frühesten Orgelwerk im Dom zu Magdeburg. Praetorius erwähnt dieses Instrument einige Male in seinem “Syntagma Musica”, und vergleicht es mit dem ähnlichen Instrument im Dom zu Halberstadt, das noch existierte, während die Magdeburger Orgel bereits abgebaut worden sei (“...und dergleichen newlichen aus dem Thum zu Magdeburg weggenommen worden ist.”) Rudolph Palme gibt das Datum der Erbauung in seinem Aufsatz “Die Orgelwerke Magdeburgs einst und jetzt, nebst kurzen Mitteilungen über die Kirchen”, veröffentlicht in der Zeitschrift für Instrumentenbau in mehreren Folgen 1908 - 1909 (eine   wichtige Sekundarquelle, die aber kritische Betrachtung fordert, nach Meinung des Verfassers) mit 1631 an. Er nennt dafür keine Quelle; Brandt allerdings, auf wessen Arbeit Palme angesprochen angewiesen ist, beruft sich dabei auf Praetorius. Gemeint ist wahrscheinlich (De Organographia, S. 98)

FaberGemeint ist hier aber die Orgel in Halberstadt, wie Praetorius mit ziemlicher Deutlichkeit darstellt. (Palmes Darstellung allerdings wurde nach neueren Erkenntnissen zT wortwörtlich der Publikation “Der Dom zu Magdeburg. Historische, architektonische und Monumentale Beschreibung der Cathedrale. Herausgegeben von C.L. Brandt, erstem Custos an der genannten Kirche und Lehrer am Domgymnasium... 1863” entnommen.) Praetorius stellt auch klar, dass er die Magdeburger Orgel selbst nicht gesehen hat  Er schreibt:

Zu Magdeburg aber im Thumb sollen die Claves, wie etliche berichten/viereckicht/und fast 3. Zoll breit und an der Zahl sechzehen gewesen seyn.

Im Anhang findet man als Tafel XXXV einen Stich der “Groß Magdeburgisch Clavier”. Nach der “Viereckichtkeit” sucht man allerdings vergeblich.

Magdeburgisch ClavierBrandt spekuliert, dass der Bau eine Orgel mit der Weihe des Domes 1366, als der Bau des Westwerkes den zweiten Obergeschoss erreichte, zusammenhängt. Das ist sicherlich plausibel, bis dato aber nicht zu beweisen gewesen. Die Gestaltungen des Westwerkes legt nahe, dass man tatsächlich hier bewusst eine Orgelempore plante; das Fenster in der Westfassade erweckt auf jeden Fall den Eindruck, dass man eher mit der Außen- als der Innenansicht rechnete. Die Halberstädter Orgel stand im Südquerhaus, wie man heute noch erkennen kann; und laut Peter Williams, “A new History of the Organ”, wurde die Westwand einer Kirche nicht vor dem 17 Jahrhundert zum bevorzugte Standort einer Orgel; wichtiger war ihre Nähe zum Präzentor.

Emporenfenster aussen

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Belegt ist dennoch, dass 1377 Kaiser Karl IV das Te Deum von den Geistlichen des Domes “unter Begleitung der Orgel” hörte - wohl eher antiphonal gespielt? - und dass zur Einführung des Erzbischofs Ernst 1476 eine “große Orgel” erwähnt wird. Einiges, neben den architektonischen Gegebenheiten, spricht dennoch dafür, dass dieses Instrument, von dem wir wissen (Praetorius), dass es über 24 Bälge verfügte und demzufolge relativ groß gewesen war, tatsächlich im Westen stand, wobei nichts auszuschliessen wäre, dass es bereits ein Instrument im Bereich des Hohen Chores, von dem wir nichts wissen, gegeben hatte.  Zunächst einmal ist die gesicherte Tatsache, dass Heinrich Compenius der Jüngere eine Orgel von der Westempore entfernte zur Vorbereitung seines großen Neubaus 1603 und das Material in Teilzahlung nahm. Palme irrt sich, in dem er die Disposition der Chororgel von ca. 1536 als die der Orgel, die Compenius abbaute, angibt. Da diese drei Manuale (einschließlich Rückpositiv) und einen gänzlich anderen Tonumfang hatte und kein Blockwerk ist, kann das natürlich nicht sein. Tradiert, aber meines Wissens nicht belegt, ist zudem die Behauptung, die 24 Bälge seien “im Turmkammer” untergebracht. Die noch vorhandenen baulichen Bedingungen deuten darauf hin, das dies tatsächlich so gewesen sein mag: eine schmale Wendeltreppe führt im Südturm bis zur Ebene des Orgelbodens und endet dort, während die unteren Stockwerke des Nordturms gänzlich mit einer breiten Treppenanlage ausgefüllt sind. Allerdings verfügt der Dom auch über Osttürme, die nie vollendet wurden, so dass ein Platz im Osten auch denkbar wäre. 

Tatsächlich scheint Compenius die Chororgel repariert und nicht abgebaut zu haben; deswegen notierte er auch die Disposition des Instruments, das ursprünglich 1536 von einem M(önch?) Michaelis für den Dom zu Halle gebaut wurde. 1541 wurde es vom Magdeburger Domkapitel verpfändet und nach Magdeburg gebracht, wo es auf dem Bischofsgang errichtet wurde. Diese Orgel, wie viele andere Orgeln dieser Zeit auch, beinhaltete sowohl Prinzipalregister die ein "Plenum" bildeten als auch Begleitregister, die im “Chorton” standen, also anders gestimmt waren. Diese Register konnten natürlich nicht zusammen benutzt werden. Im Endeffekt handelte es sich also um zwei Instrumente in einem. Praetorius (S. 117) beschreibt die Orgel mit einiger Ausführlichkeit:

Hier bringt Praetorius deutlich zum Ausdruck, dass die Orgel von Michael und die Compenius-Orgel gleichzeitig im Dom standen, ein Zustand, die 100 Jahre später noch galt:

Die Orgel, die Heinrich Compenius der Jüngere aus Halle in den Jahren 1604 bis 1605 (das Jahr 1615, wie unten angegeben, ist sicherlich falsch aufgeschrieben worden, denn  die Schlußrechnung wurde 1605 bezahlt) erbaute, wurde als eines der bedeutendsten Instrumente seiner Zeit angesehen.

Ihre Disposition wurde von Michael Praetorius  mitgeteilt. Diese Orgel umfasste drei Manualwerke (spielbar von zwei Manualen aus - das Brustwerk wurde wahrscheinlich vom Oberwerk-Klavier aus bespielt), einschließlich eines 32' Principals im Oberwerk, der bis zum tiefen F ausgebaut war (also 24' Länge). Insgesamt besaß die Orgel 42 Register, 2 Tremulanten, Vogelgesang und eine Trommel. Praetorius berichtet, dass es 12 Lederbälge gab, gibt aber dazu keine weiteren Einzelheiten.

Orgel von Heinrich Compenius, 1604-6

Am anderen Ende des Domes ist die Situation vor lauter sich widersprechenden  Aussagen etwas schwierig zu durchschauen. In der “Eigentlichen Beschreibung” von 1716, oben bereits zitiert, ist zu lesen:

Palme aber schreibt (und nennt Archivmaterial, dass im 2. Weltkrieg zerstört worden ist, als Quelle):

Bericht Palme

Zweifelsfrei ist der letzte zitierte Satz unrichtig, was Palme eventuell zu anderen irrtümlichen Schlussfolgerungen geführt haben mag. Der Dom hatte wohl drei Orgeln, und zwar weil die Orgel von Michael nicht spielbar war. Wahrscheinlich hielt man es für nicht lohnend, sie zu reparieren, denn sie war wohl für die Bedürfnisse der Musik im nun protestantischen Dom etwas altmodisch geworden. Die Disposition, die Burgmüller angibt, kann ja nicht die der Orgel von “1535” sein, denn diese war ja das Instrument des Michaels. Könnte es sein, dass Palme hier irrtümlich die Disposition der gebrauchten Orgel, die Burgmüller kaufen lassen wollte, mitteilt? Sie passt ja auch nicht zur Beschreibung des Weißland-Positivs. Am wahrscheinlichsten scheint folgendes Szenario: Die Michael-Orgel wird unbrauchbar, wird aber nicht abgebaut; die Weiland-Orgel wird als Ersatz angeschafft  - möglicherweise gebraucht gekauft. 1715 repariert Tegtmeyer die Michael-Orgel; diese steht aber nicht auf dem “Schülerchor” - Lettner - und ist demzufolge nur bedingt für die Bedürfnisse einer Figuralmusik brauchbar; sie verfällt wieder und wird verkauft. Das Weiland-Positiv wird ebenfalls für ungenügend gefunden (falls sie nicht schon früher abgeschafft worden sei); die von Chuston erworbene Orgel nimmt ihren Platz auf dem Lettner ein. 1784 ist jedenfalls eine Lettnerorgel vorhanden:

Wie Palme berichtet, wurde 1807 “auf Antrag des Domorganisten Sievers” eine neue Orgel auf dem Lettner vom Orgelbauer Hamann aus Groß-Ottersleben erbaut. Disposition. Sievers selbst wird das nicht miterlebt haben; er starb 1806. Bei der Renovierung des Domes unter Schinkel nach der Napoleonzeit (1826 - 1834) wurde die Orgel beseitigt, vermutlich zusammen mit dem Schülerchor; der Lettner ist heute nicht mehr als eine Wand.

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Die Geschichte, Teil II

Von Barry Jordan.

Orgeln der Vergangenheit